Die zehn grundlegenden Punkte des Tai Chi Chuan

Erläutert von Meistern Yang Chengfu, aufgezeichnet von Chen, Weiming

Uebersetzung: Die Uebersetzungtext ist woertlich zitiert aus dem Titel: Der Weg des Tai-chi-chuan: geistiger Hintergrund und taoistische Praktiken, S. 93-99

Anmerkungen: Jian Luo

1.Der Kopf ist unbelastet und belebt.
Was den Kopf betrifft, so soll er gerade gehalten werden, damit die Lebensenergie bis zur Kopfdecke durchdringt. Man darf dazu keine Kraft anwenden. Bei Kraftanwendung wird der Hals steif, Chi und Blut können nicht gut zirkulieren. Deshalb bedeutet der Spruch "unbelasteter und belebter Kopf" eine natürliche Kopfhaltung. Ist die Kopfdecke belastet und unbelebt, heißt das, da?die körperliche Grundenergie (aus der Nebennierengegend) nicht von selbst aufsteigen kann.

Bemerkung: Die 1., 2., und 5. Punkten wurden anhand der Meridianen besonders die Ren- und Du Meridianen eingesetzt. Der Du Meridian geht durch die Saeule des Koerpers nach oben bis zum hoechsten Punkt "Baihui" dann wieder von vorne nach unter. Der endet am oberen Kiefern. Der Ren Meridian faengt von unterem Kiefern an, geht in der Mittel vom vorderen Teil des Koerpers nach unten, durch den Genital und "Huiyin" Akupunkturpunkt (zwischen vorderem Genital und dem Anus) bis zum Steissbein. Das "Qi" fliessen in den beiden Meridianen in Kreislauf. Diese beiden sind fuer die Gesundheit entscheidend.


Ren- und Du Meridianen, Huiyin Punkt und Baihui Punkt



Damit die beiden Meridianen richtig funktioniert, muss zuerst der Kopf gerade sein und leicht nach oben "schweben". Dazu muss der Steissbein aufrecht gehalten. Der Ruecken sollte gerade sein und wird leicht gedehnt (Die Saule wird gedehnt). Dann fliesst die possitive Energie durch die Du Meridian nach oben bis zum Baihui Punkt. Gleichzeitig sollte der Brustkorb leer gehalten und etwas einsinken. Die Schulter sinken locker nach unten und die Ellbogen werden herabhaengen gelassen. Dann fliesst die negative Energie durch die Ren Meridian nach unten. Ein wichtiger Punkt ist, dass die Zunge den Oberkiefer leicht beruehrt. Das heisst "eine kleine Bruecke bauen" naemlich die Ren- und Du Meridianen verknuepfen.

In Tai Chi Uebungen sollte der Baihui Punkt und der Huiyin Punkt auf einer linien sein. Man sollte den Baihui Punkt nach oben schweben lassen und den Huiyin Punkt leicht nach oben heben. Dann wird man munter.


Standard Koerperhaltung (Meister Yang, Chengfu)

2.Der Brustkorb sinkt etwas ein und der Rücken ist gerade.
"Der Brustkorb sinkt etwas ein" bedeutet eine einfache und ungezwungene Haltung des Brustkorbes, damit das Chi in den Tan Tien-Punkt hinein sinken kann. Wölbt man den Brustkorb nach vorne, dann kommt dort das Chi in Stockung: oben im Körper wird es schwer, unten wird es leicht, und die Füße fangen zu schweben an. Der "gerade Rücken" bedeutet, da?das Chi am Rücken entlang läuft. Ist die Brust leicht eingesunken, wird der Rücken automatisch gerade und die Kraft fließt in unvergleichlicher Art entlang der Wirbelsäule.

Bemerkung:Das muss man natuerlich machen, nicht gezwungenermassen. Was zu vermeiden ist, nicht bucklig zu sein.

3.Lockeres Kreuz.
Das Kreuz ist der Herrscher im ganzen Körper. Ist das Kreuz locker, dann sind die Beine mit Kraft versehen und sind auch bei Bewegungen nach unten (d. h. beim Hocken) fest. Die Wechselbeziehung von Belastung und Entlastung führt zu einem Rotieren im Kreuz. Deshalb wurde gesagt: "Veranlasse die Aufmerksamkeit, vom Kopf zum Kreuz herunterzukommen. Ist sie da, dann mu?man sie nicht bis zu den Beinen führen (d. h. sie geht von selbst dahin)."

4.Verteilung von Entlastung und Belastung.
Entlastung und Belastung haben eine erstrangige Bedeutung in der Kunst des Tai Chi Chuan. Wenn der ganze Körper auf dem rechten Bein ruht, dann ist das rechte Bein belastet und das linke Bein unbelastet (leer); ruht das ganze Körpergewicht auf dem linken Bein, dann ist das linke Bein belastet (voll) und das rechte Bein wird unbelastet (leer). Wird Entlastung und Belastung geteilt, dann wird die Drehung leicht und belebt: man braucht dazu dann Oberhaupt keine Kraftanwendung. Sind Entlastung und Belastung nicht gut verteilt, werden die Schritte schwer und stockend: sie werden dann nicht von selbst fest, und der Körper kann leicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden.

Bemerkung:Das ist das Prinzip von "Yin und Yang". "Yin und Yang" in Tai Chi bedeutet nicht nur Entlastung und Belastung, sondern alle moegliche gegenseitige Bewegungen und Koerperhaltungen. "Yin und Yang" sollten in Harmonie gehalten werden, dh. wenn es "Yin" gibt sollte es auch "Yang" geben. Sonst ist es nicht in Balance. ZB. wenn man eine die Haender nach oben hebt, sollte man die herabgesunkene Schulter und haengende Ellenbogen nicht vergessen. Wenn man eine Hand oder die beide Haender nach unten bewegt, sollte man den nach oben "schwebenden" Kopf nicht vergessen, d.h. den Kopf nicht haengen lassen.

5.Herabgesunkene Schultern und hängende Ellenbogen.
"Herabgesunkene Schultern" bedeutet, da?die Schultern locker sind und unter ihrem eigenen Gewicht herabhängen. Sind die Schultern nicht locker gesenkt, dann werden sie hochgezogen. Dementsprechend steigt dann auch das Chi aufwärts, und so wird nicht der ganze Körper mit Kraft versehen (sondern nur ein Teil von ihm). "Hängende Ellenbogen" bedeutet, da?die Ellenbogen locker sind. Lockert man nicht die Schultern von weitem (d.h. vom Ellenbogen aus), so wird die Kraft im Schulterbereich unterbrochen. Das ist dilettantisch.

Bemerkung:Was zu vermeiden ist die Schulter und Ellenbogen kraeftig nach unten senken lassen. Mann sollte diese Haltung in einer lockeren und natuerlichen Weisen durchfuehren.


6.Aufmerksamkeit (Sinn/Seele), nicht Kraft soll angewendet werden.

Das Traktat über T'ai Chi Chuan sagt: "In dieser Kunst braucht der Körper Aufmerksamkeit (awareness) und keine Kraftanwendung". Der Übende läßt seinen ganzen Körper locker, nicht einmal die geringste "armselige Kraft" wird angewandt. Durch Kraftanwendung werden nämlich Sehnen, Knochen und Blutgefäße zusammengeschnürt. Und das geschieht automatisch. Ist keine Kraftanwendung vorhanden, dann sind die Änderungen in den Bewegungen leicht und belebt und von sich aus kreisförmig. Oder habt ihr Zweifel, da?ihr ohne Kraftanwendung Kräfte vermehren könnt? Der ganze Körper besitzt Energieverlaufsbahnen und Querverbindungen, genauso wie Wassergräben in einem Feld; sind die Wassergräben nicht verstopft, dann fließt das Wasser durch. Ähnlicherweise kann das Chi in den Energieverlaufsbahnen und Querverbindungen zirkulieren, wenn sie nicht verschlossen sind. Kommen Chi und Blut in Stockung, werden die Bewegungen nicht mehr belebt und man kann den ganzen Körper mit einem Härchen aus dem Gleichgewicht bringen. Wenn wir sagen, man braucht keine Kraftanwendung, sondern Aufmerksamkeit, bedeutet das, da?Chi der Aufmerksamkeit folgt. Dann zirkulieren Chi und Blut gut: sie durchdringen jederzeit den ganzen Körper und es entsteht keine Stockung. Diejenigen, die lange üben, erlangen diese innere Kraft. Deshalb heißt es weiterhin im Traktat von Tai Chi Chuan: "Die Pole sind sanft und weich, und dann werden sie kräftig und stählern". Jene, die Tai Chi Chuan regelmäßig üben, haben Arme, als ob man Eisen in Watte gewickelt hätte; ihre Kraftverteilung sinkt in die Polaritäten. Die dilettantisch Übenden verwenden viel Kraft und haben nur anscheinend Kraft. Und wenn sie keine Kraft anwenden, werden sie schwach und schwebend. Daraus kann man sehen, da?ihre Kraftanwendung nur oberflächlich und äußerlich war. Es ist die leichteste Art sich so zu bewegen, da?man ohne Aufmerksamkeit nur Kraft anwendet. Es geht aber nur für eine kurze Zeit.

Bemerkung:Bei Tai Chi Uebungen sollte man sich nich auf der Kraft oder dem Gefuehl von "Qi" konzentrieren, sondern einfach das Sinn benutzen, d.h. die Seele (der Geist) bewegt den Koerper anhand der Tai Chi Bewegungen, auf dem Basis des entspannten Koerpers. Die Kraft- und Qi Verteilung des Koerpers wird dann automatisch anhand der Bewegungen durchgefuehrt. Wenn man sich auf der Kraft oder Qi von welchem Koerperteil konzentriert, verliert man eine ganzheitliche Aufmerksamkeit. Dann sind die Bewegungen nicht mehr natuerlich. Man kann sich dann auch nicht richtig entspannen.

7.Das Obere und das Untere folgen sich koordiniert.
Über diese Koordination wird im Traktat über Tai Chi Chuan folgendes gesagt: "Die Wurzel ist in den Füßen, dann geht sie zu den Beinen, beherrscht das Kreuz und erscheint in den Händen und Fingern. Deshalb werden Füße, Beine, Kreuz usw. notwendigerweise mit Chi versehen." Bewegen sich die Hände, dann bewegt sich auch das Kreuz, damit bewegen sich auch die Füße und die Augen folgen der Bewegung. Deshalb kann man sagen, da?Oben und Unten koordiniert werden. Ist ein Teil, der sich nicht bewegt, wird der ganze Bewegungsablauf unkoordiniert und kommt durcheinander.

Bemerkung: Das ist eine Beschreibung von der systematischen Kraft des Koerpers. Wenn der Koerper wirklich entspannt wird, geht die Kraft von der Erde fliessend durch Fuesse, Beine, Taille, Ruecken, Schulter, Arme, Haender und zum Schluss Finger. Der ganze Koerper funktioniert einheitlich. In Uebungen sollte man auf die Beziehung zwischen dem Wechsel des Gewichts, dem Dreh des Kreuz (der Taille), den Bewegungen der Haendern und der Augenblick achten und versuchen, diese alle harmonisch zu machen.

8.Inneres und Äußeres sind gegenseitig verbunden.
Tai Chi Chuan wird mit der Geisteshaltung geübt. Deshalb wird gesagt: "Der Geist ist der führende Befehlshaber, der Körper ist der ausführende Bote." Wenn die Geistesenergie gut da ist, dann sind die Bewegungen natürlich, leicht und belebt. Die Körperhaltung wird nicht von außen her entlastet und belastet, und die Bewegungen werden nicht von außen her geöffnet oder geschlossen. Das sogenannte "Öffnen" bedeutet nicht nur, da?Hände oder Füße auseinandergebracht werden, sondern auch in der Geisteshaltung mu? dieses Öffnen stattfinden; das "Schließen" (Zusammenbringen) bedeutet nicht nur, da?Hände und Füße zusammenkommen, sondern auch in der Geisteshaltung mu?dieses Schließen geschehen. Dadurch, da? Außen und Innen zusammentreffen, entsteht Chi und beide werden eine integrierte Einheit.

9.Ständige Verbindung ohne Unterbrechung.

Im dilettantischen Tai Chi Chuan ist zwar Kraft, aber dadurch wird man angespannt. D. h. was aufsteigt, wird gestoppt, was weitergeführt werden sollte, wird unterbrochen, die alte Kraft erschöpft sich, neue Kraft entsteht nicht. Deshalb kann man einen solchen Übenden am leichtesten bezwingen. Zum Tai Chi braucht man Aufmerksamkeit und keine Kraftanwendung. Dann fließt die Kraft von Anfang bis Ende ununterbrochen weiter, kehrt zurück und beginnt wieder und zirkuliert ohne Erschöpfung. Deshalb sagt das bereits erwähnte Traktat: "Wie der große Flu?Yang-tze nie aufhört weiterzuströmen". Und wiederum: "Es läuft weiter, wie ein gespulter Seidenfaden". Diese Ausdrücke bezeichnen, da?das Chi durch Kontinuität zusammengeflochten wird.

10.Habe Ruhe in der Bewegung.
Beim dilettantischen Tai Chi hopst der Übende herum; er verausgabt sich und schnappt am Ende nach Luft. Das echte Tai Chi Chuan wird so geübt, da?der Übende, obwohl er in Bewegung ist, in völliger Ruhe bleibt. Dann werden die Bewegungen langsam und besser. "Langsam" bedeutet, da?die Aus- und Einatmungen tief und lang werden und das Chi in den Tan Tien-Punkt heruntersinkt. Auf diese Weise bleiben die Blutgefäße wie von selbst ungeschädigt und es tritt keine Ermüdung auf. Der Schüler sollte all dies beherzigen und die Bedeutung dieser Unterweisung erfassen.

Bemerkung:Wenn man Tai Chi Uebungen macht, sollte man nicht an anderen Sachen denken. Der Geist ist so ruhig und sauber wie flache Wasser Flaecher (oder ein Spiegel).

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